Einsatz bei den Schweizer Bergbauern

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Auf dem Berg – da gibt’s koa Sünd…

Als Freiwillige Ställe ausmisten und Tiere füttern.
Haus, Garten und Kinder versorgen.
Mit einer Bauernfamilie zusammenleben.

P1120411_10641Auf geht’s in die Schweizer Berge zum Bergeinsatz! Nein, nicht Leben retten oder Umwelt schützen, sondern Bergbauern bei ihrer täglichen Arbeit helfen. Also packe ich meine Bergschuhe, die Gummistiefel und Kleidung, die schmutzig werden darf, in meinen Rucksack und fahre los, ganz gespannt, wer und was da genau auf mich zukommt. Immerhin weiß ich schon, dass die Bauernfamilie vier kleine Kinder hat, 40 Milchkühe, 40 Aufzuchtkälber und eine Herde Ziegen. Und dass die Arbeit auf dem Hof nie ausgeht.

P1120504_10646Das junge Betriebsleiterpaar bewirtschaftet den Hof in Vollzeit alleine. In den letzten Jahren haben sie den Stall modernisiert, dann noch die Hofzufahrt über mehrere Serpentinen neu gemacht. Der Hof wird in Stufenwirtschaft geführt, also mit Ställen auf unterschiedlichen Höhen: Am Berg die Kühe, im Sommer zusätzlich die Alp, im Tal unten der Hof für Aufzucht und der Winterstall. Milchwirtschaft, Käseproduktion, Rinder- und Ziegenzucht – das sind die Haupteinnahmequellen. Zusätzlich nehmen sie Tiere in „Pension“ und versorgen sie für Dritte mit. Doch letzten Herbst kam die Familie bei der Arbeitskapazität an ihre Grenzen. Die Belastung wurde einfach zu groß. Sie suchte Unterstützung, die sie bei einer Freiwilligenorganisation für Bergbauern fand. Heuer halfen dann über den Sommer und Herbst zahlreiche Freiwillige gegen Kost und Logis auf dem Hof mit, um die Familie zu entlasten. Und eine von ihnen bin ich!

P1120455_10644Kaum am frühen Abend angekommen, wollen die Kinder verstecken spielen. Da bin ich gleich dabei und lerne so die Örtlichkeiten und die besten Verstecke auf dem Hof kennen. Dann soll ich in den Stall, damit ich mir auch dort einen Überblick verschaffen kann und starte auch gleich durch. Der Bauer erklärt mir, warum ich was wie machen soll, weshalb die einzelnen Arbeiten wichtig sind. Da lerne ich im Verlauf der zwei Wochen eine Menge!

P1120369_10634Und das sind meine Aufgaben, die täglich ein wenig variieren: Kälber säugen, das „Trinkgerät“ waschen, den Milchraum schrubben, die Tiere mit Wasser und Heu versorgen, ausmisten, Stroh einstreuen, Teile vom Kuhstall mit dem Dampfstrahler reinigen, Weidezäume ab- und andernorts wieder aufbauen, die Tiere von einer Weide auf die nächste umziehen, Weiden von Steinen und Ästen säubern, unzählige lederne Riemen der Kuhglocken einfetten, Kinder hüten, Hausaufgaben betreuen, mit den Kleinen musizieren und spielen, vorlesen, Windeln wechseln, Fenster putzen, Staub saugen, Küche aufräumen, Walnüsse sammeln, Birnen pflücken, Kuchen backen, den Garten winterfest machen, …. Beim Melken der Kühe muss ich nicht helfen, denn das macht der Roboter ganz allein. High-tech im Kuhstall! Und diese Technik will gepflegt sein. Reinigen des Roboters steht deshalb regelmäßig auf dem Plan. So geht das jeden Tag von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, oft auch länger. Schön ist der Wechsel zwischen den wiederkehrenden Routinearbeiten im Stall und den einzelnen Aktionen auf den Weiden und im Haus. Und das kann echt anstrengend sein.

P1120487_10645Als an einem Nachmittag die Bauernfamilie mit Ausnahme der Jüngsten zu einer Tierschau aufbricht, bleibe ich als Haus- und Hofhüterin zurück. Mein Auftrag lautet, den Melkrotober zu reinigen. Jedoch: Irgendetwas stimmt damit nicht. Die Kühe gehen rein, das Tor schließt, es fällt Kraftfutter in die Schale, der Roboter versucht, das Melkgeschirr einzurichten, es gibt nochmal Futter für die Kuh. Doch dann geht das Tor auf und die Kuh geht raus. Ohne melken. Ich rufe den Bauern an, der eine Ferndiagnose versucht. Ich stehe am Computer im Kuhstall, klicke mich unter seiner Anleitung durch die Rubriken und gebe ihm die Anzeigedaten durch. Dann folge ich seinen Anweisungen – und der Roboter funktioniert wieder! Doch leider nicht lange. Denn er fällt erneut in den Defekt zurück. Wieder den Bauern anrufen, doch er hat nun auch keine Idee mehr. Also System herunterfahren, alles ausschalten. Die Kühe werden erstmal nicht gemolken. Aber putzen kann ich das Ding dann doch. Am Abend ruft der Bauer die Hotline an und sie finden die Lösung. Eigentlich nur eine Kleinigkeit, wenn man weiß, was kaputt ist. Jetzt sind wieder alle glücklich: Die Kühe, der Bauer und ich auch.

P1120445_10643Ziegen sind so ziemlich meine Lieblingstiere. Sie sind schön anzuschauen, geschickt, intelligent und sehr genügsam. Also darf ich mit dem Bauern zur aktuellen Ziegenweide fahren, um die Herde umzusiedeln auf eine frische Wiese. Ich soll die Ziegen rufen, dass sie zum Anhänger kommen. Doch wie ruft man in der Schweiz eine Ziege? Keine Ahnung. Ich probier’s mal mit „Hallo Ziegen, kommt doch alle her!“ und „Hoi Geißen, auf geht’s“. Natürlich klappt das nicht. Erstens kennen mich die Ziegen nicht, zweitens kenne ich den eingeübten Ruf nicht. Dann springt doch der Bauer ein und die Ziegen rennen den Berg herunter. Also alle einsteigen! Und los geht’s. Was nicht so schön war: Eine Ziege hatte sich im Elektrozaun verheddert, wurde von den Drähten fast erdrosselt und von den Stromschlägen geschwächt. In freundlicher Gesellschaft der kleinen Kälber konnte sie sich im Stall erholen, fraß auch wieder, doch am nächsten Morgen war sie tot. Oh je.

P1120396_10638Die Betreuung der vier Kinder ist schon eine Herausforderung. Die Große erscheint mir meist recht vernünftig, die mittleren beiden stellen gemeinsam oder jeder für sich eine Menge Unsinn an (Kälbchen mit Kugelschreibern pisaken, in der Toilette meterweise das Klopapier abrollen…), die Kleinste versteht so ziemlich alles, spricht aber noch nicht und tut bevorzugt das, was sie nicht darf (die Geldbörse von Papa ausleeren und die Bankkarten verteilen, mit dem Handy spielen). Mal war ich einen ganzen Tag alleine mit der Kleinen, was sie sichtlich genoss. Endlich mal die volle Aufmerksamkeit! Das Mädel – ein ganz lieber Schatz, kein Weinen, keine einzige Träne, einfach nur süß! Bis dann die anderen wiederkamen. Da hatte ich ausgedient und sie wollte nur noch zur Mama. Alles klar, akzeptiert!

p1120376_10635.jpgAlle Viere auf einmal zu bändigen gelang nicht ganz so entspannt. Was ohne Eltern nicht so gut geklappt hat, war das endlich zu Bett gehen, weniger lärmen, auf dem Weg zur Schule wegen kaltem Wetter eine Jacke anziehen, Zähne putzen, … Doch abends saßen wir mal miteinander auf dem Sofa und ich las eine Geschichte vor. Das war ein Bild für Götter: Rund um mich herum die Kinder, mit großen Augen und konzentriert lauschenden Ohren. Stille und Ruhe, abgesehen von meinen Worten… Doch, sowas gibt es. Die Mama hat’s mit Handyfoto dokumentiert.

P1120421_10642Sprachlich haben sich alle angestrengt, mit mir Deutsch zu sprechen, denn am Anfang gelang es mir noch nicht, die schweizerdeutschen Familiengespräche im Detail zu verfolgen. Nach einer Woche aber kam ich gut klar. Doch einmal sagte der Bub, der gerade freiwillig (!) sein Zimmer aufräumte, ich soll ihm den „Suger“ geben. Hm, was er wohl meint? Bis er dann vor dem Ding stand und mir klar machte, dass ich ihm den Staubsauger in den ersten Stock tragen soll. Aha. Wieder was gelernt.

P1120406_10640Auch am Sonntag müssen die Tiere versorgt werden, ganz klar. Doch dann geht es hinauf auf die Alp, wo der traditionelle Käsmarkt stattfindet. Ein Großereignis in der Region – da will ich dabei sein! Es ist ein Zelt aufgebaut, Musik spielt, für Essen und Trinken ist gesorgt. Die Brauchtumskäserei zeigt alle Schritte von der Rohmilch bis zum fertigen Käselaib. Die Leute kaufen kiloweise Alpkäse ein, den ich in allen Sorten probiere. Ein Motorsägenschnitzer zaubert einen Adler mit mächtigen Schwingen aus einem Baumstamm. Und dann das Kuhrennen! Wetten auf Platz oder Sieg der zwölf Kandidaten wurden gerne entgegengenommen, doch ich hab wohl auf die falsche Kuh gesetzt – und fünf Franken verloren. Egal. Es war eine Riesengaudi!

P1120383_10636Und warum mache ich das? Ich liebe die Natur und den Umgang mit Tieren, packe gerne an wo es nötig ist, bin neugierig auf andere Lebenswelten, mag Neues ausprobieren und meine Zeit sinnvoll und ausgefüllt verbringen. Das Büro mit dem Stall und die Tastatur mit der Heugabel zu tauschen fand ich eine reizvolle Idee. Das macht den Kopf frei. Leben nur für den Augenblick, ohne Denken an morgen oder übermorgen. Auf das praktische Tun konzentriert, dennoch immer aufmerksam. Die tolle Aussicht von den Bergen ist zudem eine Ortsveränderung wert. Eingebettet in das turbulente Alltagsleben der Bauernfamilie bietet so ein Bergeinsatz viele bereichernde Momente, wunderbare Erlebnisse und Erfahrungen, aber auch kleinere und größere Herausforderungen. Ich finde, das hat sich gelohnt – für beide Seiten!

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(Erlebt im Herbst 2015 – hätte sich aber genauso auch dieses Jahr zutragen können, nur dass auf diesem Hof nun fünf Kinder herumwuseln… Und bald geht es erneut los: Zum winterlichen Bergeinsatz bei einer anderen Familie mit vier Kindern und schottischen Hochlandrindern auf einem Biohof.)

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