Einsatz im Emmental

Bergeinsatz Nummer 3 rief – im Emmental. Einmal rechts abbiegen, dann schlängelte sich am Ende eines Seitentales eine kleine ungeteerte Straße sanft den Berg hinauf, entlang an Wald, Wiesen und Bächen. Und schon waren wir da. Ich freute mich auf dieses typische Emmentaler Bauernhaus, nachdem ich bisher eher auf modernen Höfen mitgeholfen habe. Erbaut in der Mitte des 19. Jahrhunderts, vereinigt es alles unter einem riesigen Dach: Wohnen, Stall und Heuboden. Ursprünglich war das Haus für zwei Familien gemacht, quasi als Doppelhaus mit gemeinsamer Küche. Nach einigen Umbauten bietet es heute ein gemütliches Zuhause für das Bauernpaar. Alles ist aus Holz gefertigt, sehr schön gestaltet und hübsch eingerichtet. Die niedrigen Decken und ein Kachelofen sorgen für Behaglichkeit, die auch die Miezekatzen und der Hund zu schätzen wissen. Ich bezog eine bezaubernde Gästestube im Obergeschoss und fühlte mich gleich wohl.

Im Stall nebenan war es auch recht schön warm. Die Kühe verbringen den Winter ganztägig im Anbindestall, weil auf der Weide nichts mehr wächst, Schnee liegt und sich die Wiesen durch die Tiere in ein großes Matschfeld verwandeln würden, was keinen Sinn macht. An drei Tagen pro Woche dürfen die Tiere aber raus in den Laufhof, wo sie sich die Beine vertreten, etwas mit den Kuhfreundinnen tratschen, die Bürste nutzen und Salz lecken können.

Mein Job war es, zweimal am Tag den Stall sauberzumachen: Die Kuhhaufen mit dem Schorrer in den Graben schieben, die trockene und saubere Streu nach vorne zum Futtertrog bugsieren, die nasse und schmutzige im Graben entsorgen, alles mit einem Reisigbesen kehren, damit für das Melken der Boden sauber ist. Dann wurde der Schorrgraben geleert, die Haufen zum Abfluss geschoben bzw. in die Schubkarre geladen und auf den Misthaufen geschüttet. Währenddessen bereiteten die Bauersleute das Futter vor. Die Tiere werden schon unruhig, wenn gleich das Sperrgitter am Futtertrog geöffnet wird. Es gibt ein richtiges Menü: Drei Sorten Heu, Maissilo, Heusilo, Zuckerrübenpellets und für die Kleinen Heu und Milch.

Mein Lieblingsort auf dem Hof war der Heuboden, zu dem ich über eine steile Leiter hinaufstieg. Hier duftete es so gut! Ich warf von ganz oben Heu herunter und schichtete es zu einem großen Berg auf, um es bei der nächsten Mahlzeit in Richtung Wurfluke zum Stall aufzutürmen und wieder von oben einen neuen Berg zu bauen. Hier verwenden sie drei verschiedene Heusorten von grün bis beige, von fein bis grob, länger und kürzer. Sie setzen sich aus unterschiedlichen Pflanzen und Nährstoffen zusammen, so dass jedes Tier eine Mischung aus dem bekommt, was es gerade braucht. Der erste Schnitt der frischen Wiesen sieht sehr weich aus und immer noch grasgrün. Der zweite Schnitt ist da schon anders, nicht mehr so einheitlich und blasser: Die Emde oder Grummet. Das würde ich als das Heu bezeichnen, das man so allgemein kennt. Den Schnitt der Ökoausgleichsflächen, die Emt, fressen die Kühe nicht so gern, da auch härtere Pflanzenteile, Samen und lang gedörrte Stücke dabei sind.

Beim Melken hielt ich mich raus, das machte die Chefin mit der Melkmaschine und zwei Melkgeschirren. Anschließend hieß es alles reinigen. Da half ich mit, schwang den Lappen und die Milchkannen, die zum Trocknen an langen Nägeln draußen an der Hauswand aufgehängt wurden. Jeden zweiten Tag bringen die Bauern die Milch in den großen Kannen zur Sammelstelle, wohin ich einmal mitdurfte und mir das anschauen konnte.

Wenn zwischenzeitlich gerade nichts anderes zu tun war, bürstete ich die Kühe und befreite ihr Fell von Schmutz. Manche mögen das gerne, andere nicht so sehr. Außerdem schrieb ich Namensschilder für die Kühe und Kälber, wobei ich lernte, dass die Trächtigkeit ab Besamung neun Monate und zehn Tage dauert. Das wird auf den Schildern vermerkt. Doch mittlerweile konnte ich auch ganz gut sehen, welches Tier bald Nachwuchs bekommt. Denn jetzt weiß ich, dass das Kälbchen im Kuhbauch auf den rechten Seite liegt und auf der linken das Futter in den großen Mägen seinen Platz findet. Nach der Fütterung ist jeder Kuhbauch schön rund – selbst ohne Nachwuchs.

Wenn man grad bei den Tieren am Arbeiten ist, muss man aufpassen, um zwischen den warmen und weichen Kuhleibern nicht erdrückt zu werden. Die Damen bleiben ja nicht einfach wie angewurzelt stehen, sondern wollen genau sehen, was da um sie herum geschieht. Achtung auch vor deren Füßen, damit sie nicht versehentlich auf meinem Stiefel zu stehen kommen – wäre trotz Stahlkappen vermutlich kein Spaß. Ich lernte auch umsichtig zu sein, ob der Schwanz sich gerade hebt, um nicht eine Ladung braunen Fladen oder einen kräftigen Strahl Wasser abzubekommen, wenn die Kuh ihre Geschäfte macht. Das ist immerhin gut gegangen. Nur einmal stand ich im Weg, als eine Kuh kräftig mit ihrem Schwanz – in mein Gesicht – gewedelt hat, was sich anfühlte wie eine kleine Ohrfeige. Selber schuld.

Doch mit der Arbeit rund um Kühe und ihren Nachwuchs nicht genug. Ich ging auch Hühner füttern und Eier aus den Nestern holen. Die Hühner erhalten hier ein zweites Leben – wenn sie von den großen Eierproduzenten nach einem Jahr aussortiert werden. Sie legen dann nicht mehr so viele, dafür aber umso größere Eier, die eine dünnere Schale haben. Und Eier legen, das tun sie hier ganz fleißig. Eigentlich ist bei den Hühnern alles bio, doch das Label scheitert allein am Eingangstürchen zum Hühnerstall, denn es passt jeweils nur ein Huhn hindurch, nicht zwei wie bei Bio-Hühnern vorgeschrieben. Den flatterhaften Tieren ist das sicher egal, würde den Bauern aber mehr Geld einbringen. Die zwei Enten leben auf der anderen Hofseite, gehen im Bach baden und übernachten in einem kleinen Holzhaus. Zudem gibt es noch zwei kleinere und zwei größere Schweine. Doch Vorsicht! Die großen fressen einen schier auf, wenn sie einen zu fassen kriegen. Jetzt weiß ich, wie fest sich eine Schweineschnauze anfühlt und wie wieviel Kraft in den Tieren steckt. Die sind einfach unglaublich zudringlich. Rette sich wer kann!

An weiteren Arbeiten fiel regelmäßig das Nachfüllen von Streu und diversem Futter für die Kühe an, nach dem Melken dann das Einstreuen mit Sägemehl und Stroh. Ich durfte den etwas abseits stehenden Kälberstall winterfest machen, den Mist rausholen, den Schmutz mit dem Schlauch aufweichen, fest bürsten und schrubben. Aber nein, es musste nicht alles glänzen, ist ja immer noch ein Stall. Zum Putzen unzähliger Stallfenster wurde ich ebenfalls eingeteilt – und auch das war zu bewältigen. Außerdem transportierte ich viele Schubkarren voll Brennholz in den Heizungsraum, damit der Ofen dort stets befüllt werden kann. Auf der Garagenbaustelle half ich mit, Bauholz umzulagern, rollte viele Meter Zaunbänder auf und brachte die Sachen ins Winterlager. Die Arbeit geht auf so einem Hof nie aus. Vor allem muss hier unglaublich viel in aufwändiger Handarbeit erledigt werden, was sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.

Wer arbeitet der soll auch essen! Die Mahlzeiten waren immer sehr lecker, ich habe mich auf jede einzelne gefreut, um mich zu stärken und ein wenig auszuruhen. Ob beim Morgenessen nach getaner Stallarbeit, beim z’Nüni mit Kaffee und Keksen, beim reichhaltigen Mittagessen mit einem Stück Kuchen als Dessert, beim z’Vieri mit deftiger Brotzeit oder zum Abschluss des Tages beim Nachtessen, bei dem oft die Reste verwertet wurden. Ich fand es wieder einmal super, dass ich mich an den Tisch setzen konnte, ohne vorher überlegen zu müssen, was ich denn nun kochen soll. Diese Sorge war ich hier definitiv los!

Ich hatte wieder das Glück, auf ganz wunderbare Bauersleute zu treffen, tolerant, humorvoll, offen, herzlich und allseits interessiert. Nicht alle Bauern wollen Freiwillige bei sich auf dem Hof haben. Keine der beiden Seiten weiß ja vorher, mit wem sie es zu tun haben wird. Manche finden schon die Sprache anstrengend, wenn Nicht-Schweizer anreisen. Dann das immer wieder neu anlernen, zeigen, erklären. Andere machen sich Sorgen um ihre Intimsphäre. Ja, das will wohlüberlegt sein, ist aber kein Problem, wenn beide Seiten das nötige Feingefühl und etwas Rücksichtnahme mitbringen. Bei dieser Familie im Emmental lief das perfekt! Mit großer Sympathie nehmen sie die Freiwilligen auf, holen sich die Welt ins Haus, sind interessiert an Leben und Gedanken der Helfer auf Zeit.

Das Paar sorgt gut für die Tiere, es arbeitet jeden Tag des Jahres sehr hart für sein Auskommen. Dafür muss man wahrscheinlich geboren sein und viel Leidenschaft mitbringen. Jeder Handgriff sitzt, zack-zack und fertig, lange erprobt, tausendfach ausgeführt. Bei mir ging das etwas langsamer, ich musste erst meine Routine finden. Manchmal beschlich mich das Gefühl, dass ich vergleichsweise in meditativer Konzentration meine Arbeit erledigte. Egal, auch wenn es länger dauerte: Alles was ich machte, mussten die Bauersleute nicht selber tun und sorgte so für deren Entlastung. Das war gut, jedes Mal ein kleines Abenteuer und vor allem eine ganz wunderbare Erfahrung!

Ich freute mich nach sechs intensiven Arbeitstagen auf dem Hof wieder auf meinen Alltag in der Stadt und war dankbar für das doch recht bequeme Leben, das ich führe. Doch es wird wohl nicht der letzte Bergeinsatz gewesen sein!

(Dieser Bergeinsatz liegt nun ein Jahr zurück. 2020 lege ich eine Pause ein. Die Pandemielage wegen Corona ist nur schwer einzuschätzen, und ich fände es schade, den Einsatz möglicherweise kurzfristig absagen zu müssen.)

Hier geht es zum ersten Bergeinsatz im Heidiland – mit Kuhrennen auf der Alp!
Hier die Nummer 2 – auch im Heidiland, aber auf einem anderen Hof mit schottischen Hochlandrindern.

Und wer selber mal mithelfen will:
Ab dem Frühjahr gibt es hier wieder viele Bauernfamilien, die Unterstützung suchen.